Koprostase
 



Koprostase

(Leseprobe 2004 - tft - version 2004)

...

Luft holen, Bauch einziehen, wieder zurück zum Esstisch, zur Wohnzimmercouch, zum Fernsehapparat, wo Käthe sitzt. Achselzuckend kann ich keinen Erfolg vermelden. Kein erleichternder Gedanke zu erfahren. Seufzend hocke ich mich hin, übe mich in einer Art Gedankenschwangerschaftsgymnastik und rühre Kluntje durch die mich anglotzenden Kreise in meinem Abführtee. Heizdecken, Wärmflaschen, eine Kanne schwarzer Kaffee und sogar eine Zigarre (auf das mir schlecht werde) liegen und stehen bereit. Ich habe ohnehin schon so einen faden, faulen Geschmack im Mund – der dient aber nicht zum Druckausgleich. Mein Rücken schmerzt und ist unbeweglich wie totes, verkrustetes Fleisch.

Erneute nehme ich Platz, ich versuche mich mit Musik aufzuheitern: Rock, Punk, Klassik. Ein paar Lieblingsplatten, irgendwas worauf ich abfahren kann. Ich will, dass mir die schlechte Laune entweicht. Ich stütze mich mit den Ellenbogen auf den Oberschenkeln ab und betrachte meine herabgelassenen Beinkleider. Dabei lausche ich dem eigenen Getöse aus der Keramikmuschel, welches mich nicht wirklich weiter bringt. Das Leben ist hart, ganz hart und der taube Teil des Leibes ist wie aus Stein. Mein hochroter Kopf reagiert nicht mehr aufs Pressen. Das Gesicht wird heiß und kalt zugleich.

Käthe besucht mich, lüftend, mir ungnädig zugrinsend über den Kopf streichelnd. Sie bringt mir was Neues. Was Erotisches. Josefine Mutzenbacher beispielsweise, damit ich mich in Schwung reiben kann. Aber bewegt sich nichts hinten, dann vorne schon gar nicht. Nach Stunden des ergebnislosen Sitzens mit angesaugter Haut und verhärtetem Fettgewebe auf Plastikschutz: kreuzlahm schleiche ich gebückt durch die Wohnung, den Arsch für alle Fälle entblößt gelassen. Jeder ‚Freie Fall’ könnte die Lösung sein und es gibt Putzmittel und Zeug zum desinfizieren.

Erschlafft und starr gehe ich zu Boden, versteift aber ungeil, während Käthe mit angespannten Gesäßmuskeln auf meinem Blähbauch Platz nimmt. Sie füttert mich eimerweise mit Sauerkraut, sehr lecker, aber die Schläuche werden nur mit schlechter Luft ausgekleidet. Auf allen Vieren krieche ich zurück zu meiner Sitzgelegenheit.

„Die Geburt ist schwierig, das Kind wird mir ähneln!“, phantasiere ich schweißgebadet, dabei fühle ich die pure Angst.

„Du kannst ja schon wieder scherzen!“, grient die sich fortwährend von draußen frische Luft zufächelnde Käthe.

...

© Matthias von Schramm 2004

Mail an mich: mvs@vonschramm.de

Alle Rechte dieser WWW Sites 
copyright © 1999 - 2003 
bei Webmaster :Matthias von Schramm